Samstag, 16. Mai 2020 13:11 Uhr

Versteckt und verlassen: Das stillgelegte Kieswerk an stillgelegter Bahnstrecke

Godelheim-Wehrden (TKu). Die Natur erobert sich Stück für Stück alles wieder zurück: Das alte Kieswerk zwischen Wehrden und Godelheim in der Gemarkung „Dumme“ ist mittlerweile 16 Jahre offiziell stillgelegt. Bäume wachsen dort, wo einst Kies gefördert und verarbeitet wurde. Die großen Wasch- und Schrapperanlagen, Förderbänder und elektrischen Anlagen verfallen langsam aber sicher. Ein alter nicht mehr fahrbereiter Radlader, welcher der Witterung sowie dem Vandalismus ausgesetzt war, steht ebenfalls noch inmitten der Anlagen.

Aber eines ist sicher, die Anlage ist kein Kinderspielplatz, sondern hochgefährlich: Die großen Maschinen, von wo aus die Förderbänder den Kies und Sand gefördert haben, sind teilweise stark an- oder durchgerostet, insbesondere alle sicherheitsrelevanten Teile aus Metall, wie zum Beispiel das Geländer. Aus Sicherheitsgründen herrscht daher für die Werksanlagen ein absolutes Betretungsverbot! Für Unbefugte ist außerdem das gesamte Betriebsgelände gesperrt, worauf Schilder bereits am Zuweg hinweisen. Zum Teil sind die Fassaden der Gebäude und die Fördergeräte mit Graffiti versehen worden. 

Das alte Kieswerk befindet sich nahe der stillgelegten Bahnstrecke Holzminden–Scherfede zwischen Godelheim und Wehrden. Nur wenigen Menschen ist bekannt, dass sich hier ein ehemaliges Kieswerk befindet. Manchmal nutzen Paint-Ball-Spieler das Areal für ihr „Katz- und Mausspiel“, sagt ein Paint-Ball-Spieler, der von Höxter-News.de auf dem Gelände angetroffen wurde. Auch Geocacher gehen hier hin und wieder auf Schatzsuche, erzählt ein Kenner der Szene. Die großen Anlagen, Geräte und Gebäude sowie ein angeschlossener Baggersee wirken sehr anziehend, berichtet der Geocacher, der namentlich nicht genannt werden möchte. Das Schwimmen im nahegelegenen Baggersee ist lebensgefährlich und daher ebenfalls strengstens untersagt.

Kieswerke an der Weser haben eine jahrzehntelange Tradition: Mit dem beginnenden Boom im Wohnungsbau, im Industriebau und im Straßenbau waren Baumaterialien so stark gefragt, dass der Bedarf kaum noch zu decken war. Besonders im Weserbergland an der Oberweser schossen in den 50er Jahren Kieswerke wie Pilze aus dem Boden. Der Weserkies entwickelte sich zum Markenzeichen im Betonbau. 1956 errichtete die Firma Frönd & Schulte aus Paderborn ein Kieswerk auf dem Ackerland des Bauern Schrick in der Gemarkung „Zur Breite“.

Das Kieswerk wechselte später den Besitzer und wurde von der Firma Oppermann weiterbetrieben, die bereits seit 1860 Kies, Sand, Kalkstein oder Grauwacke zutage fördert. Der Firma Oppermann gehören auch heute noch dutzende Kieswerke, darunter auch das stillgelegte Werk in Wehrden. Der Kiesabbau brachte für die Dorfbewohner in Wehrden in den 60er Jahren große Belastungen mit sich. Von Morgens bis Abends fuhren mit Kies beladene Lastwagen ohne Unterbrechung durch das Dorf. Lärm, Gestank und gefährliche Situationen insbesondere für die Kinder, waren nun an der Tagesordnung. So beschreibt es der Ortsheimatpfleger Gerd Rother aus Wehrden im Heimatbuch der Ortschaft Wehrden zum 1150-jährigen Ortsjubiläum im Jahr 2010. 

Darüber hinaus gab es ständige Auseinandersetzungen im Gemeinderat, die darin gipfelten, dass sich 1961 der damalige Bürgermeister Joseph Potthast fünf Monate nach seiner Wiederwahl zum Rücktritt gezwungen sah. Man suchte nach Lösungen und ging Kompromisse mit dem Betreiber des Kieswerks ein. Für den Kiestransport durfte nur noch die untere Weredunstraße und die Godelheimer Straße (beides Hauptstraßen) genutzt werden, nachdem diese Straßen mit Beteiligung des Betreibers ausgebaut und mit Bürgersteigen ausgestattet wurden.

1974 war der „Spuk“ endlich vorbei, da die Kiesgruben nicht mehr erweitert werden konnten. Es blieben zwei Kiesteiche zurück, die heute für die Sportfischerei als Freizeitanlage genutzt werden. Die Firma Oppermann errichtete nun das besagte Kieswerk in der Gemarkung „Dumme“, das ohne Beeinträchtigung der Dorfbewohner betrieben werden konnte, weil es sich weit außerhalb befand mit einem Zuweg durch die Feldmark, der direkt auf die Bundesstraße 83 mündet. Genau 20 Jahre wurde hier Kies abgebaut, bis das Werk im Jahre 2004 stillgelegt wurde. Laut der Internetseite der Firma Oppermann wird das Werk heute noch als Bedarfskieswerk geführt.

Fotos: Thomas Kube

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